Waldorf Cottbus e.V.

Linie 1 - Erfolgreiche Aufführung

Linie 1 - Erfolgreiche Aufführung

Foto: Marlies Kross

Das Kultmusical Linie 1, aufgeführt von Schülern der 12. Klasse unter der Regie und musikalischen Leitung von Dirk  Ibbeken sowie einer Band aus Musikpädagogikstudent*innen war mehr als "nur" ein Klassenspiel und Schülertheater. Es war eine einzigartige, bewegende und mitreißende Show wie sie in der 25jährigen Geschichte der Freien Waldorfschule Cottbus noch nicht zu erleben war. Der Jahrgang 2005 ist eine besondere Klasse. Sie haben an vier Tagen vor restlos ausverkauftem Saal im Glad-House Cottbus gespielt. Üblich sind drei Spieltage. Schon in der 8. Klasse führte die Klasse, ebenfalls unter der Leitung von Dirk Ibbeken, das Stück "Freiheit" zusätzlich zu den üblichen drei Vorstellungen ein viertes Mal in der Kammerbühne zu den Schülerkunsttagen auf. Ein weiteres Highlight dieser Klasse war das Sommerkonzert „Gloria in D“ von Antonio Vivaldi in der Lutherkirche, ebenfalls unter der Leitung von Dirk Ibbeken. Jedes Kind ein Könner, dieser Leitspruch der Waldorfpädagogik wurde auch hier wieder sehr eindrucksvoll umgesetzt.

 

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Linie 1 – (die Rezension eines sehr stolzen Klassenbetreuers)

Ein Mädchen aus irgendeiner deutschen Provinz landet auf der Suche nach ihrem Freund in Berlin, in West-Berlin, um genau zu sein. Im Zug und auf den Bahnhöfen der U-Bahn Linie 1, zwischen Ruhleben und Schlesischem Tor (Kreuzberg), lernt sie die verschiedensten Menschen kennen, ein „Kaleidoskop großstädtischer Typen und Schicksale“ (1). Ihre Naivität darf belächelt werden und doch bewirken ihre Fragen, ihr Sein am Bahnhof Zoo, um 6.14 Uhr morgens und am darauffolgenden Tag, Handlungen, Gespräche, Kontakte von Fremden, die es ohne sie niemals gegeben hätte.
Die musikalische Revue von Volker Ludwig und Birger Heymann war und ist, nach kleinen Anlaufschwierigkeiten im Premierenjahr 1986, nach Brechts „Dreigroschenoper“ das meistgespielte deutsche Theaterstück weltweit. Die „Linie 1“ rollte durch Berlin, Amsterdam, Kalkutta, Omsk, Seoul, London, New York City, Wien oder Dublin – und diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vom 4. bis zum 7. Juli 2017 fuhr sie nun fünf Mal durch Cottbus, immer mit dem Zwischenhalt Glad-House und einer besonderen Nachtstation vor Jimmy´s Diner.
25 Protagonist*innen der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Cottbus, unter der Regie und musikalischen Leitung von Dirk Ibbeken sowie eine Band aus Musikpädagogikstudent*innen der BTU Cottbus – Senftenberg ( Hanno Nusche – Gitarre, Daniela Lenk – Saxophon, Philipp Wende – Bass, Dominik Rosa – Schlagzeug, Pavel Kuznetsov – Piano) unter der Leitung von Lutz Schulz entführten fast 1000 Fahrgäste in ein Drama, ein Musical. Fünf großartige Shows über das Leben und Überleben in einer Großstadt, über Träume und Hoffnungen, Aufsteigen und Fallen, Lieben, Hassen, Versagen, Sich – Finden und Sich – Verlieren, über Mut und über das Aufgeben wurden gespielt. Vor allem aber gab es für jeden Fahrgast die Chance auf 3 Stunden Nachdenken über sich selbst, eigene Ansichten und Haltungen.
Ein minimal gestaltetes Bühnenbild, das nur Andeutungen einer U-Bahn, einen Bulettenkiosk am Bahnhof Zoo mit einem einzigen Standtresen enthielt, ließ Raum für Spielfreude, Choreographie, Tanz und 18 verschiedene musikalische Darbietungen. Detailgetreu gearbeitete und punktgenau gesetzte Kostüme ließen ein abwechslungsreiches, farbiges, präzise ausgeleuchtetes Bild entstehen, das eher wie mit 50 Darsteller*innen als „nur“ 25 daherkam.
Was dann auf der Bühne geschah, war Feuerwerk! Ich möchte am liebsten jede Szene einzeln beschreiben und herausstellen, welche Leistungen sich dahinter verbergen!
Alles passte. Das waren nicht 25 Schülerinnen und Schüler mit einem erlernten Text, das waren Großstadtgestalten in all ihren liebenswürdigen, grausamen, lächerlichen, bewundernswerten, zu bemitleidenden oder zu bestaunenden Existenzen: vom Verwirrten (Franz Krause) bis zum Junkie (Jakob Engelmann), vom naiven Mädchen  und ihrem „richtigen“ Jungen (Clara Last, Gregor Vorwald, - in einem berührenden Duett), dem Nazimann (David Harlander), der Nazifrau (Lowis Knospe) zu den Kontrollettis (Max Baensch, Jakob Engelmann, David Harlander, Lennart Fiedler, Hans Wünsche, Wolfgang Bach), von Risi (Marie Richter) bis Bisi (Fionna Knöfel), von Er (Richard Scheffczyk) bis Aggressive Frau (Marie Richter), vom Ausländer (Bennet Konzack) zu Mondo (Jeremy Kunze), Schlucki (Wolfgang Bach), Erich (Lennart Fiedler), Lola (Judith Küchler), Uli (Konstantin Hübner) und Chantal (Erdmute Kleo), von Dieter (Alois Brunner) bis Rita (Judith Küchler) mit ihren anstrengenden Kindern, vom ersten bis zum letzten Moment der Show!
Die fantastischen musikalischen und gesanglichen Darbietungen der Maria (eine herausragende Pia Tomat), des Hermann (ein großartiger Hans Wünsche), von Bambi (Jonas Kempe), dem Anmacher (ein genialer Alois Brunner), von Kleister (Max Baensch), Lumpi (Erdmute Kleo), den Tamilen (Erdmute Kleo und Konstantin Hübner), der Berliner Sängerin (eine strahlende Maya Ziehlke), der Lady (Aurisa Scheck), das Lied von Johnny (Paul Schulz), den Kontrollettis und natürlich den unglaublich guten Wilmersdorfer Witwen (Max Baensch, Alois Brunner, Franz Krause, Wolfgang Bach) erschufen Gänsehautmomente, Betroffenheit und erleichtertes, befreiendes Lachen.
„Wolle Rosen kaufe?“, - von dieser Crew? Jederzeit! Und sowieso nach jedem Auftritt des Chores, denn die waren nun tatsächlich die wirklichen Höhepunkte. Stehende Ovationen nach jeder Aufführung waren das berechtigte und große Dankeschön an alle Beteiligten.
„Volksnotstand“ und „Armes Deutschland“, gehört zum Text des Nazimanns. Worte, die wir heute, im Jahr 2017, vielleicht wieder öfter hören als noch 1986. Mit dem Wissen um das Engagement um diese Show herum, das der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Cottbus, der Band der BTU, der Leistung des Regisseurs und musikalischen Leiters, aller helfenden Hände um Matthias Baensch, Jörg Tudyka, David Lay, Hendrik Pigola und Liliana Hinneburg, der großartigen Förderung durch die Stiftung Lausitzer Braunkohle und der Partner  Cottbusverkehr sowie Glad-House möchte ich entgegnen: Reiches Cottbus! In deiner Bildungslandschaft gibt es Initiativen (hier vom Waldorf Cottbus e.V.), die du pflegen, schützen, herausheben, unterstützen und viel mehr fördern musst als bisher. Denn da wird gute Zukunft entworfen!
Autor: Silvio Pohle

 Fotos: Marlies Kross, M. Baensch