Freie Waldorfschule Cottbus

Philosophie

Die für eine zeitgemäße und erfolgreiche Pädagogik wahrscheinlich wichtigste Frage ist die nach dem Wesen und Ursprung des Menschen.
Handelt es sich um eine sehr komplizierte Anordnungen von Materie mit der Fähigkeit zur Selbstorganisation oder ist der Mensch ein Wesen geistigen Ursprungs?
Wie verhält es sich mit Willensfreiheit und Verantwortungsfähigkeit?

Der Widerspruch im Denken der meisten Menschen unserer Zeit liegt darin, dass wir uns selbstverständlich für eigenständige, frei handelnde Persönlichkeiten mit hoher Verantwortung  halten und dennoch mit dem Materialismus des 19. Jahrhunderts glauben, unser Sein und Handeln wäre vollständig aus der Materie heraus bestimmt, aus Zufällen und aus eisernen Naturgesetzen heraus, also überhaupt nicht frei. Größer kann ein Widerspruch kaum sein.
Die Frage nach der ersten Ursache des Seins, Materie oder Bewusstsein, wurde oft als Grundfrage der Philosophie bezeichnet. Sie ist auch die Grundfrage der Pädagogik.
Die Auswirkungen der philosophisch eingenommenen Position auf unsere pädagogische Wirksamkeit sind enorm.
Programmieren wir mit Lob und Tadel den durch Zufall entstandenen organischen Automaten zu einem gesellschaftlich, vor allem wirtschaftlich verwertbaren Endprodukt oder wollen wir dem jungen Menschen auf dem Weg zu seiner selbstgewählten Bestimmung helfende Wegbegleiter sein?

Einige Worte des Gründers der Waldorfschulbewegung, Rudolf Steiner, sollen die Lebensluft an einer Waldorfschule beschreiben. Selbst wenn diese Aussagen durch ihre Datierung schon recht alt erscheinen mögen, so haben sie doch bis heute an Aktualität noch weiter gewonnen. Sie sollen verdeutlichen, wie wir den pädagogischen Prozess als einen gleichsam künstlerisch- schöpferischen Vorgang auffassen und auch mit welcher Tendenz wir die oben gestellten Fragen beantworten möchten:

"Wir haben nicht die Aufgabe, unserer heranwachsenden Generation Überzeugung zu überliefern. Wir sollen sie dazu bringen, ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Auffassungsvermögen zu gebrauchen. Sie sollen lernen, mit offenen Augen in die Welt zu sehen, . . . Unsere Überzeugungen gelten nur für uns. Wir bringen sie der Jugend bei, um ihr zu sagen: So sehen wir die Welt, seht zu, wie sie sich euch darstellt. Fähigkeiten sollen wir wecken, nicht Überzeugungen überliefern. Nicht an unsere 'Wahrheiten' soll die Jugend glauben, sondern an unsere Persönlichkeit. Dass wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen."
(aus: Unzeitgemäßes zur Gymnasialreform, 1898, Gesamtausgabe 31, S. 232-234)

"Es kommt für die Erziehung darauf an, dass wir lauter bewegliche Vorstellungen und Empfindungen dem Kinde beibringen, die selber wachsen mit dem Wachsen des Kindes im Leibe, in der Seele im Geiste. Also nicht darum handelt es sich, dem Kinde fest konturierte Vorstellungen zu geben, sondern bewegliche Begriffe, die sich wandeln können. Wir sollten gar nicht den Ehrgeiz haben wollen, dem Kinde etwas beizubringen, was es so für das ganze Leben behalten soll, sondern etwas Bewegliches sollten wir ihm vermitteln. Wer die Erziehungskunst ganz ernst nehmen kann, wird das verstehen. [...] Der wirkliche Erziehungskünstler darf nicht denken, dass die, welche da vor ihm sitzen, nur ebenso gescheit sein müssten als er."
(14.11.1923, Gesamtausgabe 304a, S. 119)

"Dadurch entsteht aber eben erst das richtige Bewusstsein im Lehrer. Und das hat er, wenn er sich sagt: Jede Erziehung ist im Grunde genommen Selbsterziehung des Menschen. [...] Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muss."
(20.4.1923, Gesamtausgabe 306, S. 131)

"Fürchten Sie durchaus nicht, dass wir aus dieser Schule eine Weltanschauungsschule machen wollen und etwa anthroposophische oder andere Dogmen den Kindern eintrichtern wollen. Das fällt uns nicht ein. [...] Wir wollen vielmehr gerade aus dem, was uns Anthroposophie ist, eine pädagogische Kunst entwickeln. Das "Wie" im Unterricht, das ist es, was wir gewinnen wollen aus unserer geistigen Erkenntnis. [...] Das "Was" ergibt sich aus den sozialen Notwendigkeiten; das muss man mit vollem Interesse ablesen an dem, was der Mensch wissen und können soll, wenn er sich als tüchtiger Mensch in die Zeit hineinstellen soll. Aber das "Wie", wie den Kindern etwas beizubringen ist, das ergibt sich nur aus einer gründlichen, tiefen und liebevollen Menschenerkenntnis. Die soll walten und wirken in unserer Waldorfschule."
(13.1.1921, Gesamtausgabe 298, S. 81f)