Waldorf Cottbus e.V.

"Cottbus und Saragossa im Einklang" - eine Nachlese

Post aus Saragossa erreichte uns von Fiona Brunner. Sie legte an unserer Schule 2016 erfolgreich ihr Abitur ab und studiert zur Zeit in Saragossa. Durch sie ist der Kontakt zur Camerata San Nicolas zustande gekommen.

Die Gesichter noch ganz verschlafen, die Stimmen gesenkt, nur leises Flüstern, stehen wir um sieben Uhr morgens am Bahnhof in Saragossa und laden das Gepäck in den Bus nach Barcelona. Auch wenn uns die Müdigkeit noch in ihren Fängen hält, ist die Stimmung voll Vorfreude, Spannung und Aufregung. Im Bus wird die Stimmung etwas aufgeweckter: erste Gespräche beginnen, man hört Gelächter. In Barcelona angekommen geht es direkt zum Flughafen. Dort erwartet uns ein reges Treiben: All die Menschen, die in den Urlaub fliegen oder gerade zurück gekommen sind. Und wir als Gruppe von gut 30 Leuten mitten drin. Alles klappt wunderbar. Und schon bald sitzen wir im Flieger Richtung Berlin. Von Berlin geht es mit dem Zug nach Cottbus weiter, wo unsere Reise fürs Erste endet. Am Bahnhof werden wir schon von all den lieben Familien erwartet, die sich bereit erklärt haben, spanische Gäste bei sich aufzunehmen. Nach kurzer Zeit haben sich alle gefunden und es geht nach Hause.

Montagmorgen treffen sich die spanischen und deutschen Orchesterspieler in der Turnhalle. Aufregung liegt in der Luft. Einige erkennen sich wieder. Die anderen mustern sich still. Wir packen unsere Instrumente aus und Carlos, der spanische Dirigent, weist jedem einen Platz zu. Nach einer kurzen Begrüßung geht die erste gemeinsame Probe auch schon los. Mich überkommt ein Kribbeln. Es ist tatsächlich passiert: zum zweiten Mal beginnen sich meine zwei Welten zu vereinen. Ich blicke mich um. Schaue in die konzentrierten Gesichter meiner deutschen und spanischen Freunde. Ich schließe die Augen und atme tief ein, während ich das Gefühl von Geborgenheit genieße, welches das Orchester auf mich ausübt.

Am Nachmittag dann geht es zu Fuß zum Sachsendorfer Badesee. Dort geht das Kennenlernen weiter. Wir gehen baden, spielen Fuß- und Volleyball und genießen die gemeinsame freie Zeit. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Und als uns dann auch noch die Pizza an den See gebracht wird, ist der Tag perfekt.

Der Dienstag hält einen ganz besonderen Ausflug für uns bereit: eine Kahnfahrt durch den Spreewald. Nach dem Mittagessen geht es los. Der Spreewald ist doch immer wieder schön. Der Duft nach frischem Grün, das Plätschern des Wassers, die Ruhe… Wir erwarteten einen Ansturm von Mücken, doch bekommen wir nicht eine zu sehen. Während der Kahn sachte über das Wasser gleitet, singen wir Lieder, unterhalten uns, der Kahnfahrer erzählt uns interessante Dinge. Auf einem der Hauptkanäle begegnet uns der Postkahn. Für die Spanier ist es ein einzigartiges Erlebnis und eine herrliche Abwechslung. So ist bei Saragossa die Natur wirklich sehr trocken und so schöne Bäume und saftige Wiesen gibt es dort leider nicht.
Am nächsten Tag nach einer gut gelungenen Probe schauen mich die Spanier beim Mittagessen alle sehr fragend an. „Fiona, was ist das?“ Sie rühren mit ihren Löffeln im Grießbrei herum. Ein äußerst interessantes Essenserlebnis. Etwas süßes als Hauptgericht? Für die Spanier bis dahin undenkbar. Sie kennen Milchreis, aber nur als Nachtisch. Und dann auch noch ausschließlich süß. Kein zweiter, herzhafter Gang? Wo ist das Fleisch? Die Spanier sind verwirrt. Aber ist nicht genau das das Spannende an anderen Ländern und Kulturen? Die Unterschiede? Die anderen Gewohnheiten? Manche Dinge lernt man schnell lieben, andere wiederum lassen einen schnell die Heimat vermissen…

Am Abend haben wir schon unseren ersten kleinen Auftritt in der Chemiefabrik: wir dürfen die Zeugnisausgabe der 12. und 13. Klasse musikalisch begleiten. Zuvor jedoch haben wir noch etwas freie Zeit und fahren gemeinsam zum Branitzer Park. Während wir über die geschwungenen Wege spazieren, schauen die Spanier immer wieder hoch, zu den so großen Bäumen. Im Schatten dieser blühen die Gespräche auf. Man hört spanisch, englisch, deutsch… Wir bringen einander Wörter in der anderen Sprache bei. Es entsteht Gelächter. Und wieder einmal wird deutlich: es ist nicht immer wichtig, die gleiche Sprache zu sprechen. So vieles wird außerhalb der Worte übermittelt.

Später dann während der Zeremonie stellen mir die Spanier verschiedene Fragen: Wer ist der, der gerade spricht? Was sind das für Fotos? Warum hat der Junge da keine Schuhe an? Warum bekommen die alle eine Sonnenblume? Und später: Was hat der Regenbogen zu bedeuten?

Es ist ein schönes Erlebnis, einmal eine etwas andere Art des Feierns zu erleben. Die Spanier sind beeindruckt von der innigen und bemühten Art, wie sie es mir beschreiben. Und sehr dankbar, das alles erleben zu dürfen.

Donnerstag, nach einer kurzen Probe, steht ein Schülerkonzert auf dem Programm. In Konzertkleidung und mit dem Instrument in der Hand warten wir im Gang, bis es los geht. Sitzt alles? Wurde auch nichts vergessen? Und dann geht es los. Wir sind sehr überrascht, dass die Kinder zum Großteil alle so still sind. Es ist fast so, als läge ein Zauber in der Luft, ein Zauber der Musik, des Zusammenspiels von Spaniern und Deutschen. Und es erinnert mich an meine erste Probe mit der Camerata San Nicolas vor nun schon drei einhalb Jahren. Ich war so berührt von der Leidenschaft und Liebe zur Musik. Noch heute erlebe ich so viel Begeisterung bei den Proben. Und ist Pause, werden die Instrumente für normal nicht weggelegt, nein, dann geht das Musizieren erst richtig los. Denn nun wird das gespielt, was einen wirklich bewegt.

Nach dem Mittagessen geht es in die Stadt. Dort haben wir noch etwas Freizeit bevor wir unser Open-Air-Konzert geben. Die große Gruppe spaltet sich in verschiedene kleine auf, die jede für sich die Cottbuser Altstadt entdecken. Später geht es zum Dieselkraftwerk, wo wir uns auf das Konzert vorbereiten. Und wieder ist es ein großes Erlebnis. So viele Leute sind gekommen, die Fahrradständer quellen über und die aufgestellten Bänke reichen nicht aus, sodass die Leute sich auf den Rasen setzen und dort entspannt den schönen Klängen lauschen.

Am Freitag die Probe läuft wunderbar. Alle sind noch beschwingt und erfüllt vom gelungenen Konzert am Vortag. Am Vormittag bekommen wir eine interessante Führung durch das Staatstheater Cottbus. Wir dürfen auf die Bühne, in den Orchestergraben blicken. Uns wird der „Eiserne Vorhang“ gezeigt, der beim Brandfall zum Beispiel verhindern soll, dass sich das Feuer weiter ausbreitet. Und wir dürfen dorthin, wo die ganzen Requisiten gelagert werden. Ein spannender und mal ganz anderer Theaterbesuch.

Auch das Konzert im Blechencarré ist ganz was anderes. Etwas gewöhnungsbedürftig wegen der ganzen Nebengeräusche der Restaurants. Aber so haben wir die Möglichkeit, die Leute einmal ganz anders zu erreichen. Nicht nur im Erdgeschoss bleiben die Leute stehen und lauschen. Nein, auch im ersten und zweiten Stock kommen die Leute ans Geländer und schauen herunter. Es ist unser letztes gemeinsames Konzert. Ich schließe die Augen und genieße noch einmal den vollen Klang von zwei Orchestern und einem Chor. Es ist wirklich ein Geschenk. Besonders der Gesang. So hat die Camerata San Nicolas zwar auch einen Chor, der hat aber lange nicht so viel Power wie der von der Waldorfschule Cottbus.

Später zum Abendessen geht es dann wieder zurück zur Schule, wo wir beim Grillen die gemeinsame Woche gemütlich ausklingen lassen wollen. In der Essensschlange stehend schaue ich mich um. Überall sind Leute in Gespräche vertieft. Die zu Beginn der Woche noch etwas schüchterne Stimmung hat sich nun fast völlig aufgelockert. Es ist wunderbar zu sehen, wie diese beiden Gruppen sich vermischt haben. Dann kommt plötzlich Unruhe auf. Ein spanisches Mädel hat sich den Fuß umgeknickt. Nach etwas hin- und herüberlegen fahren wir schließlich in die Notaufnahme. Und während die anderen später auf die Walzernacht in die Stadt fahren, warten wir (die Verletzte, eine befreundete spanische Mama, die für sie auf dieser Fahrt verantwortlich ist und ich als Übersetzerin) darauf, dass wir aufgerufen werden. Nach guten vier Stunden können wir endlich nach Hause. Die Kleine hatte sich den Fuß tatsächlich gebrochen und einen Gips bekommen. Was für ein Abschluss der Woche. Erledigt fahren wir nach Hause, um uns doch noch etwas auszuruhen. Denn am nächsten Tag sollte es nach Berlin gehen.
In Berlin angekommen quietschen die Spanier vor Begeisterung. Doch bevor wir irgendwas unternehmen können, müssen wir erst einmal einen Rollstuhl besorgen, damit die verletzte Spanierin mit uns mitkommen kann. Es dauert nicht allzu lange, da haben wir einen und los geht es. Wir bekommen eine Führung, schauen uns die Berliner Mauer an, das Brandenburger Tor natürlich, den Reichstag… Das Wochenende verläuft ruhig. Wir geben noch ein Konzert, in der Freien Waldorfschule Berlin Mitte, was überaus lustig abläuft und wir alle herzlich viel lachen. Auch machen wir eine Bootsfahrt, wo wir Berlin noch mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen bekommen.

Und schließlich geht es am Montag nach dem Frühstück zum Flughafen. Dort heißt es nun Abschied nehmen, was tränenreich verläuft. Letzte Worte werden gewechselt, Nummern ausgetauscht, es wird einander umarmt. Die Spanier bedanken sich nochmals inständig für die tolle Gastfreundschaft, die wunderbare Zeit und die unglaubliche Organisation!! Und dann bleibt nur noch eine kleine Gruppe zurück. Ich würde meine spanischen Freunde schon bald wiedersehen. Doch die anderen hatten sich für eine ungewisse Zeit von einander verabschieden müssen. Die Stimmung ist gedrückt. Wir sinnen jeder für sich den letzten Tagen nach. Und mit einem Male durchströmt mich ein unglaubliches Gefühl der Freude und Dankbarkeit. Da ich die ganze Woche ziemlich unter Spannung stand, hatte ich es nicht früher wahrgenommen. Ich fühle mich so erfüllt und glücklich. Für mich war diese Woche etwas ganz besonderes. Meine lieben spanischen Freunde in Cottbus zu erleben, ihnen meine Heimat zu zeigen, sie mit meinen deutschen Freunden und Familie zu sehen und natürlich der musikalisch Aspekt. Das Orchester, in dem ich groß geworden bin, in dem ich die ersten Orchesterstücke meines Leben spielte, mit dem Orchester, wo ich heute spiele und das ich so in mein Herz geschlossen habe, zu vereinen…einfach unbeschreiblich!

Ich bin allen unendlich dankbar, die diesen Austausch möglich gemacht und so schön gestaltet haben!! Auf dass es nur der Anfang eines regen Austausches war!

Fühlt euch alle von Herzen umarmt und geküsst von
Eurer Fiona aus Spanien


Einige Impressionen findet Ihr unter: Impressionen und Rückblick "Cottbus und Saragossa im Einklang"